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Winterschlaf
Gestern noch hingen mir die vollen Wolken in Nase und Ohren. Weiche, pralle Wattesäcke, die eine angenehme Kühle ausstrahlten und Schutz vor den Sonnenstrahlen boten.
Doch jetzt ist der planetare Winter über uns hereingebrochen. CVJ-VIER heisst der felsige Planet, auf dem wir notgelandet sind. Sein kosmischer Schlingerkurs hat ihn so weit vom Zentralgestirn entfernt, dass seine Athmosphäre als Schneefall zu Boden geht.
Meine beiden Kumpels und ich hatten gehofft, dass in unserem Handbuch nur Schauermärchen über die Umlaufbahn von CVJ-VIER ständen. Weit gefehlt. Obwohl die Angaben nur aus Berechnungen von der weit entfernten Erde stammen konnten, passen sie wie der Scheeball auf Auge.
Beunruhigt schaue ich umher. Noch etwas hat sich verändert. Die Farben! Noch vor kurzem war unsere Umgebung in ein schmutziges Irgendwas getaucht, beleuchtet von den drei Monden. Jetzt umgibt uns eine Eiseskälte aus gefrorenem Blau. Zum Horizont hin spitzt es sich sogar zu einem Türkis, eisblumengleich.
Meine Kumpels sehe ich nicht mehr, doch fühle ich mich nicht alleine auf diesem Schneeball. Eher wie durch Gedankenfäden verbunden, unkörperlich, doch nah. Vielleicht habe ich ja nur meine Augen geschlossen?
Das Blau sehe ich jetzt vieltönig. Muster aller Schattierungen durchziehen meinen Gesichtskreis, und sie sprechen mit mir? Was soll ich verstehen? Wer spricht mich an?
Staunend höre ich zu, besser: sehe ich zu. Es gestalten sich Gedanken, die nahe gehen, die sehr persönlich sind.
Wie aus mir selbst heraus entstehen sie. Erzählen mir, was ich schon lange weiss und genauso lange schon zu denken vermeide. Für einen Moment durchzuckt mich eine Idee. Ich befinde mich auf einem Spiegelplanet! Ein Seelenspiegel, auf dem ich mich wie der Esel auf dem Glatteis bewege.
Bin ich in mir wirklich so kalt. Ich, der ich so stolz bin "Gott und die Welt" zu kennen, ich der Mittelpunkt und beliebte Gast auf vielen Anlässen, ich, der "die stolzesten Frauen in seinen Armen gehalten zu hat"
Die Farben sprechen zu mir, nicht fordernd, eher klärend. Langsam aktzeptiere ich, was sie mir zu meiner Egozentrik sagen. Mir wird leichter, ich kann mich entspannen, sehe meine "einnehmende" Haltung mit den Augen eines Beobachters. Nein, nicht nur Kritik spiegeln mir die Farben, auch Verständnis für meine Angst vor der Einsamkeit. Wohlwollen entsteht, das es mir leichter macht, das Spiegelbild meiner Selbst zu aktzeptieren. In mir entsteht der starke Wunsch ehrlicher zu werden mit mir Selbst. Auf einmal scheint das Blau nicht mehr so klirrend, das Spiegelbild nicht mehr gar so scharf.
Mit fällt ein, dass ich nicht alleine hier bin. Wie mag es meinen beiden Kameraden ergehen? Ich habe die Verbindung verloren.
Doch wie auf Stichwort sind die beiden wieder da - oder habe ich nur meine Augen geöffnet?
Wir schauen uns verwundert an. Ohne Worte verstehen wir, wir haben dasselbe erlebt.
Jeder auf seine Weise, in seinen Farben.
Carlo ist sehr blass geworden. Ich hielt ihn für den Stärksten - vielleicht hat er sich eben gerade selbst bezwungen?
Paul, der Stille, lächelt nur vor sich hin, dann
beginnt er unvermittelt zu singen: "Schlaf Kindlein schlaf"
Hey, ich will aber nicht einschlafen, wir sollten uns um unsere Ausrüstung kümmern, den Notruf wiederholen und - "
Paul lächelt mich nur verständisvoll an. Erst verunsichert, nicke ich dann mit dem Kopf. Der Rhythmus gefällt mir, ich schaukle schliesslich mit dem ganzen Oberkörper.

Ich erwache.
Heinz-Lothar sitzt im Sessel neben mir.
"Du bist ja janz schön drauf, Alta."
Mir dämmerts: Tee haben wir getrunken, mit Haschisch drin, dann ewig drüber getalkt, ob die Dosis zu schwach war, oder ob uns der Dealer gelinkt hatte - und plötzlich kam die Droge wie `n Wirbelwind. Kurz darauf musste ich eingeschlafen sein.
Heinz-Lothar murmelt etwas von "`ne Stunde". Kein Wunder, dass er Angst bekam, und mich solange geschüttelt hat, bis ich wieder "da bin".
Verschlafen blinzle ich, trübe Funzeln und ein paar Kerzen leuchten im Zimmer. Und warm ist es - ich schwitze.
Ich versuche meinen Traum zu artikulieren, ist aber zu kompliziert. Dauernd drängen sich andere Bilder und blöde Stabreime dazwischen, lustiges auf spontane Sätze. Wir entdecken die Lautsprache neu. Später kommen Tonfolgen dazu - Singsang.
Alles sehr anstrengend. Ich lehne mich wieder zurück, werde leiser, höre Heinz-Lothar zu, Musik tönt dazwischen.

Rhythmisch werden die Geräusche lauter. Wieder schüttle ich meinen Kopf. Irgend etwas stimmt nicht. Die Farben sind verschwunden. Nur noch Weiss umgibt mich, weiches Weiss. Warm ist es.
Meine Augen sind wie aus Watte. Ein bekannter Geruch umgiebt mich. Doch woher bekannt? Ich gebe mir Mühe zu sehen.
Gesichter schweben über mir, sprechen zu mir.
Ich verstehe nichts, dann kommen stichwortartige Bilder, Mosaiksteinchen: Ausflug in den Schnee; der falsche Knoten am Sicherungsseil; die verdeckte Gletscherspalte

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