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Stimmungen 1973

kiffen, © www.ekk-art.com
der Autor, 1971/Hildesheim

Sonnenstrahlen durchfluten meine Lider. Roter Lichtertaumel zu Gitarreklängen. Ich reibe mir die Augen: Bilder, Farbgesänge. Schwebend liege ich auf dem Rücken, lausche, schaue, träume.
Knistern neben mir. Gras das törnt.
Ich strecke meine Hand aus, ein Lachen. Gerald drückt mir den Joint in die Hand. Shutgun mit einer Hand. Ich atme tief ein, halte die Luft an, atme aus. Wie das Leben, denke ich mir. Man wird gedrückt, hält inne, befreit sich wieder.
Wir leben schon seit Jahrhunderten auf diesem Wiesenhang. Haben den Tag mit LSD begonnen, viel gelacht, geraucht. Doch langsam schwinden die Halluzinationen der Droge. Die Schluckbeschwerden lassen nach, der klare Nebel des Cannabis macht sich breit. Ein letzter Sommertag.
"Was mich betrifft, ich bin bekifft."
Ich grinse zurück - zumindest habe ich das Gefühl, als grinse ich. "Noch ganz schön drauf, was?" fragt Gerald. Ich richte mich auf, sehe wie die Sonne langsam ihr Auge schliesst.
"Echt geil, so`n Untergang", mehr kann ich nicht sagen. Meine Gedanken eilen immer noch davon, schneller als jeder "Reissverzug".
"Man sollte mal Acid über `nen Film kippen und damit den Sunset fotografieren".
"Ja, gleich `nen ganzen Movie so drehn, denn die Tripszene in ,Easy Rider' war ja echt schlapp gemacht und die 15 Minuten Farben in ,Odyssee 2001' sind auch nur geil, wenn man sie bekifft sieht."
Wir haben schon oft davon geschwärmt, Drogenerlebnisse anderen so zeigen zu können, wie ich sie gerade erfahre. Der "Törn O Mat" und unsere Sprache aus Pantomime und Rülpsen gehören auch dazu. Manchmal denke ich, dass unsere Kommunikation für Nichttörner" ganz schön bescheuert klingt.
Gerald macht den Vorschlag zu gehn. Es ist echt kalt geworden. Das letzte Rot am Horizont wärmt längst nicht mehr, passt nur farblich perfekt zum dunkelblauen Abendhimmel. Wie kriegt Gott das Türkis dazwischen bloss so hin - oder entsteht es in meinem bekifften Kopf?

Inzwischen haben wir Gitarre, Trommel & Co. eingepackt und schauen vom Hügel nach der anderen Seite, Richtung Stadt.
Dort brennen schon die ersten Lampen. Kühl ist es geworden. Wir gehen schweigend einen Feldweg lang, fühlen die Reste der Sonnenhitze zwischen den Büschen hängen. Von weitem wirft eine einzelne Laterne einen Schatten aus dem Dämmerlicht. Ein Spaziergänger mit Dackel kommt uns entgegen. Wir grinsen. Irgendwie dackelt der Mensch hinter seinem Hund her. Wer ist das Herrchen? Oder führt ein Ausserirdischer seinen Menschen aus?

Hipetuk 1971, © www.ekk-art.com
Hipetuk, 1971/Hildesheim

Näher an der Stadt nehmen die Lampen zu, Kneipendüfte, Musikfetzen, Families mit Kind und Kegel beenden ihren Samstags-Ausflug - doch von dem, was wir heute geschaut, erlebt haben, ahnen sie nichts in ihrer traurigen, dumpfen Spiesserwelt.
In der Stadt: Neonreklamen die Einkaufsstrasse hinunter. Wir erreichen unser Wohnzimmer", das "Hipetuk". Ich weiss auch nicht was der Name bedeutet. Hier treffen sich schon seit Jahren die ausgeflippten Kiffer und Alkoholtörner der Stadt. Wir gehören dazu. So sehr, dass der tägliche Wechsel vom Wald ins Hipetuk, von dort zu den Zieh-Ecken rund um den Domhof und wieder zurück ins Tuk, zu unserem Rhythmus geworden ist.

Alkoholtörner 1972, © www.ekk-art.com
Open-Air-Party mit Balu, 1972/Hildesheim

Wir gehen gleich in den hinteren Raum.
Der vordere ist von Alkoholtörnern bevölkert. Ein freier Platz in der Fensterbank ist uns gerade recht. Das Dämmerlicht im Raum, nur Kerzen und schlappes Glühbirnenlicht, verschluckt von den schwarz gemalten Wänden, hat keine Chance gegen die prallen Neonreklamen da draussen.
Die Strassenszene vor dem Fenster ist unsere Bühne. Wir dagegen werden von den Passanten als exotische Zooinsassen angesehen, oder besser gesagt: beschlechtachtet.
"Samstagfeierabend", denke ich, denn Gerald summt gerade diesen Song vom ollen F.J. Degenhardt. Wir reimen uns Geschichtchen zu den Motorradfahrerritualen, Liebespärchengeturtel und mitdenkindernaufdemheimweg Gezerre. Unser Spott wendet sich auch den bekannteren Gestalten zu. "Der Schmale", einer unserer Hausdealer, steht im Schatten aller Laternen und flüstert sein "Shit kaufen?" in vorüberziehende Ohren. Hannes, total breit, sitzt grinsend draussen in der Schaufensterecke. Vorübergehende fühlen sich angesprochen, lächeln zurück, sind dann verwirrt, wenn sie sehen, dass Hannes Blick durch sie hindurch geht.

bekifft, © www.ekk-art.com
"Was mich betrifft, ich bin bekifft." 1971/Hildesheim

Ein Linienbus hält gegenüber. Miniröcke schwingen sich kichernd zur nahen Tanzschule, steife, pickelgesichtige Anzüge folgen nervös.
Apropos Tanzschule", fragt Gerald, sind Deine Eltern zuhause?" Ich verneine, denn samstags ist bei denen Tanzen angesagt. Wir beschliessen zu mir zu gehen, um Fernsehn zu schauen. Zusammen mit `nem Müsli und `nem Pur-Pfeifchen ist es der richtige Abschluss für solch `nen Tag.

Wieder auf der Strasse, nehmen wir das Thema bürgerliche Einfalt" wieder auf. Etwas nüchterner im Kopf stellen wir fest, dass "der Schmale" zum Beispiel auch total bürgerlich ist. Er hätte auch Wurstverkäufer werden können. Ob man nun "Shit kaufen" flüstert, oder "heisse Würstchen" ruft, macht keinen Unterschied. Ein interessanter Gedanke: wie unterscheiden wir uns tatsächlich von der Gesellschaft, die uns umgibt? Sind unsere langen Haare, die grünen Parker, Jeans und bunten Umhängetaschen ein Zeichen von Protest, oder entsprechen sie dem uniformen Aussehen unserer Eltern?

Hippies, © www.ekk-art.com
Auf dem Domhof/Hildesheim

Inzwischen sind wir vor dem Wald angelangt, hinter dem ich wohne.
Es ist etwas schaurig, aus dem Licht der Strassenlaternen heraus, in die Finsternis der Bäume zu treten. Wir können dem kaum helleren Waldweg nur schwer folgen.
Schweigend, jeder für sich, versuchen wir auch einen Pfad aus dem Dschungel der Widersprüche in uns zu finden. Was wollen wir, was will ich, warum will ich es,?
Wir leben jetzt seit fast fünf Jahren von einem Joint zum anderen und fragen uns manchmal, wie wohl die Welt für "Otto Normalo" aussieht. Dabei sind wir Hippies nicht so unpolitisch, wie zum Beispiel die Lach- und Schiessgesellen des Mainzer Karnevals es den guten Bürgern in ihrem neuen Programm vormacht. Wir haben Georg Orwells Vision gelesen. Wir wollen auch vermeiden, dass sie in elf Jahren zu unserer Wirklichkeit wird Es ist so dunkel, dass die ersten Laternen wie Scheinwerfer leuchten. Langsam bewegen wir uns aus dem Wald hinaus.

"Wir verhalten uns auch bürgerlich". Gerald spricht aus, was schon in der Luft lag und rekelt sich dazu in dem Lieblingssessel meines Vaters. Shit, es stimmt: auch wir sind bürgerlich
Wir schauen "Adams Family" im Tiewie. "Eiskaltes Händchen" reicht gerade die Post aus seinem Kästchen, ein Stockwerk höher lassen die Kids Modellzüge entgleisen - auch eine Spiesserwelt, die der Normalo versteht, weil sie seinen satirischen Wertvorstellungen entspricht.
Es sind die ordnenden Wiederholungen, die die Bürgerlichkeit ausmachen. In diesem Sinne leben auch wir bürgerlich.
"Fehlt nur noch, dass wir an `nem Bier nuckeln, wie mein Alter."
"Wir nuckeln an der Pur-Pfeife.", ist meine Antwort.
"Ja und wie brechen wir daraus aus? Steigen wir auf Koks, auf Äitsch um und hoffen auf den absoluten Flash?"
"Ich weiss nicht, die Abhängigkeit vom Stoff, das ist doch wieder der gleiche Shit. Dann könnten wir auch zu den Alkoholtörnern überwechseln."
"Was willst Du eigentlich leben?", frage ich Gerald, "ich möchte Künstler werden, um immer auch Kind bleiben zu können. Doch mit `nem bekifften Kopf Bildchen malen oder Schmalfilme drehen, oder abgedrehte Geschichten schreiben, das machen doch alle und härtere Drogen machen meine künstlerische Arbeit nur unverständlicher."
"Echt, da laufen wir nun seit Jahren auf derselben Treppenstufe `rum, statt uns einen Schritt weiter zu uns Selbst zu entwickeln, doch genau das möchte ich." sagt Gerald und schaut mich an. "Weisst Du, was die härteste Droge ist? fährt er fort, "Die Realität!"
"Du meinst," antworte ich nach einer Denkpause, "wir sollen mit dem Kiffen aufhören?"
"Genau, denn mit dem was wir inzwischen im Koppe ham«, könn« wir auch ohne zu törnen die näxten hundert Jahre kreativ arbeiten."
"Naja, aber unsere Clique, Du weisst doch, wie beschissen es ist, wenn man mit Bekifften zusammen ist und nich« mehr versteht worüber die lachen."
"All right, aber wenn wir uns nicht ändern, dann laufen wir noch in zwanzig Jahren so rum wie heute. Stell Dir mal vor, "der Schmale" mit fünfundvierzig, am Stock, krächzt heiser "Shit kaufen" und Du antwortest im selben Stil "nee ich brauch `nen Schuss".
Plötzlich ist mir sonnenklar, dass wir eben unser Leben wieder in unsere Hände genommen haben. Dem Zwielicht von Fernsehn und Bürgerlichkeit strahlt Geralds und mein Wissen entgegen: wir entscheiden über unser Leben.
"Gut, ziehen wir uns ab jetzt die Realität rein. Damit wir davon nicht süchtig werden, können wir ja immer samstags hier einen rauchen, bis meine Eltern zurückkommen. Oh yeah, ich baue ein geiles Karwumm, das weihen wir dann nächste Woche ein, dazu gibts« Tiewie und Kekse. So richtig bürgerlich und die Woche über knallen wir uns voll die Realität rein."
"Genau, und zwar pur!"

 

Erläuterungen:
"Gras das törnt" = Haschisch
"Reissverzug" = Kombination von Reisverschluss und Reisezug
"Acid" = LSD-Säure
"Törn O Mat" = Idee einer Vorrichtung, die einem Kiffer alle Genüsse anbietet, ohne das er selber tätig werdeÜn muss
"Zieh-Ecken" = versteckte Plätze an denen gekifft wird
"Alkoholtörner" = Alkoholtrinker
"Tiewie" = TV
"Äitsch" = "H" englisch ausgesprochen = Heroin
"Karwumm" = spezielles Gerät zum Haschisch rauchen

>>>mehr Bilder zum "Hipetuk" bei Tomasius


Das Bild vom Hipetuck`73 ist auch erhältlich
als Druck auf Epson-Archiv Karton:
33 x 48 cm, EUR 140.-/CHF 180.- incl.Versand
(Aufl. 33Ex. + 1 Ex. ca. 90 x 120 cm InkJet auf Baumwolle)
Bestellung an: info@ekk-art.ch

Zum vergrössern, bitte ins Bild klicken.>>>


Dieser Text ist, leicht gekürzt,
im Buch "
bebop" von B.+H.–J.Tast veröffentlicht worden.

Brigitte Tast, Hans-Jürgen Tast
„be bop - Die Wilhelmshöhe rockt.
Disco und Konzerte in der Hölle."
Verlag Gebrüder Gerstenberg GmbH & Co. KG
Hildesheim, Hardcover, 23,5 x 20,5 cm,
2. überarbeitete u. erweiterte Auflage, Sept. 2007,
200 S., über 160 S/W-Fotografien,
ISBN 978-3-8067-8589-0, EUR 15,90

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