Hermann Reinfrank, Kunsthalle St.Gallen Kunsthalle
19. - 25 Juli 1996
Hermann Reinfrank, Kunsthalle St.Gallen
Aus der Schwäbischen Zeitung vom 14.8.96
Raum und Fläche
Ausstellung Hermann Reinfrank und Douglas Kolk in der Kunsthalle St. Gallen.

Von allen Biersorten trinkt der St. Galler Installationskünstler, Zeichner und Plastiker Hermann Reinfrank am liebsten Tuborg und Carlsberg. Wenn möglich aus grossen Dosen. Zumindest legt das derzeit eine Ecke im grossen Kunstraum der St. Galler Kunsthalle nahe, die er hüfthoch mit Aluhüllen ausgekleidet hat.
Von Unordnung, von Chaos, von unbändigen Saturnalinen, von rasendem Ausser-sich-sein gibt es dennoch keine Spur. Die Dosen sind zu Hunderten gesammelt und fein säuberlich gestapelt. Die Porträts der Freunde hängen schnurgerade in der Reihe. Schnelle Liniennotate im selben Format. Die Umzugskartons sind zu einem Karree geschoben. Die Kartonröhren der Kleenexrollen und die Nüssli-Verpackungen für ein "Schweizer Produkt" sitzen akurat aufeinander. Alles hat in diesem Atelier auf Zeit seinen Platz und verweigert sich jeder Bedeutung.
Hermann Reinfrank, 1952 in St. Gallen geboren und immer noch hier wohnhaft, ist leidenschaftlicher Sammler. Da sind Exzesse nicht am Platz, schon gar nicht in dieser Stadt, die nach jedem Faschingsumzug bereits um fünf Uhr morgens die Straßen blank putzt. Die Gefühlslogik des Sammlers wird von Mitleid bestimmt: Nichts darf weggeworfen, dem Prozess der Entropie anheimgegeben, vergessen, aufgegeben werden. Also liegen, sitzen und hängen demontierte Sitzschalen, Bretter, Eiersteigchen und bunte Orangennetze in den Regalen
Mit ihnen sperrt der Künstler Räume ab, glieder sie, schafft sie überhaupt erst und sich damit Nischen für eine künstlerische Tätigkeit im engeren Sinn: Gips ist in Styroporformen gegossen. Die Schleifmaschine steht parat. Feuchte Abgüsse machen die Struktur des Abfalls zu ihrer Oberfläche: Genopptes Material läßt an die Bohrungen denken, die Tony Cragg in Riesengipsen anbringen ließ, die vor einiger Zeit im Kunstmuseum St. Gallen zun sehen waren. Nur sind sie unaufwendiger, beiläufiger und gelassener. Als ironisches Statement zur grossen Materialgeste wirken sie wie Zerlegungen der festen Formen, die man gemeinhin mit einem Kunstwerk verbindet.
Ausstellungsbild: © Rolf Abraham / D
Hermann Reinfrank, Kunsthalle St.Gallen
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Dieses Zerstückeln, die Liebe zum Stückwerk, kennzeichnet vielleicht überhaupt den Zugriff Hermann Reinfranks. Er sammelt Stücke von Schienen und legt spielerisch Eisenkugeln und Röhren in die Fahrrille. Das wirkt seriell, läßt sich aber wieder zerlegen, bevor es zu einer festen Setzung, zu einem Konzept geriete. Oder Reinfrank ordnet halbröhrenförmige Alteisenteile zu einer Gruppe, die Dichte gewinnt, ohne die Einzelteile aneinader zu binden, ähnlich wie Paul Klees Stützen eines "Viadukt".
Durch das Material schafft Hermann Reinfrank sich Leere. Große Tische laden zum Sitzen und Nachdenken. Der letzte Teil des spiralförmig aufgebauten Raumes ist frei belassen, eine Tanzfläche für den scheuen Künstler, über der ein Gehirn auf einem Vorhang wacht wie ein Memento: Alle Formfindung tritt aus gestaltloser Leere nur mit Hilfe des Gedankens. Die Realisation wird zu seinem Abfallprodukt wie die Abfälle, die der Künstler dazu benutzt.
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siehe auch Dorothea Strauss: "Föhn" Ausgabe Juli / August `96

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Immer wieder dreht der St. Galler Künstler Hermann Reinfrank das Verhältnis von Inhalt und Hülle um, macht mittels Verpackungsmaterialien und Gebrauchsgegenständen Rückseitenlandschaften unserer Gesellschaft sichtbar....