Hermann Reinfrank Hermann Reinfrank Hermann Reinfrank Hermann Reinfrank Hermann Reinfrank
GEDANKEN zu den Arbeiten
Herrman Reinfrank -
Objects of Desire

Dorothea Strauss / Kunsthalle St. Gallen

Hermann Reinfrank sammelt Verpackungen und es schmerzt Ihn, daß er sie nicht alle haben kann, aus St. Gallen, aus der Schweiz, aus Europa, aus der ganzen Welt; wenigstens die Styroporverpackungen, deren Innenleben wie eine Stadtvision von Tony Garnier aussehen, oder die Apfelsinennetze, die - alle in einem Bild von Jackson Pollock erinnern.
Als echter, wahrer Sammler gehört er zu den Süchtigen, zu den herumstreunenden, einsamen Wölfen, die immerzu nach Dingen ausschau halten, die ihre Wünsche und Träume ins Rotieren bringen. Sammeln heißt lieben und hassen zugleich. Und so ist sein Atelier ein Materialinferno und die Grenzen zwischen einer bewußten Inszenierung des Chaos und der Konfusion, die sich willkürlich verselbstständigt, sind fließend und attackieren konventionelle Vorstellungen von dem, was ein "Arbeitsplatz" erfüllen sollte. Das alles hat etwas mit Alchemie zu tun und mit dem Wunsche, den Lauf der Zeit zu verlangsamen. Aber das ist jetzt zu kitschig und so sprechen wir lieber von etwas Greifbareren: In dem erzeugten Chaos schafft Hermann Reinfrank Strukturen und Muster, quasi Ordnungsprinzipien, deren Agenten das Unüberschaubare ins Lot bringen möchten, Reinfranks Anliegen, daß zu retten, was die Gesellschaft mißachtet, begründet sich nicht nur in einem selbstgestalteten ästhischen Auftrag - obgleich dieser durchaus existiert - sondern eher in einem formalen Interesse an Multiplikations-Prozessen. Was passiert, wenn ein simpler Alltagsgegenstand plötzlich als das auftaucht, als das er produziert wurde:als Massenprodukt? Wenn man also das, was täglich für die Rückseitenlandschaft unserer Gesellschaft produziert wird, auf die Bühne des Gesehens, auf die Vorderseite holt. Und was passiert, wenn man die Anmutungsqualität dieses Gegenstandes verändert?
Hermann Reinfranks Vorliebe für Verpackungen oder Alltagsgegenstände, wie zum Beispiel Putzschwämme, kippt endgültig aus einer sentimentalbewahrenden Geste heraus, wenn er eine ganze Bodenfläche mit Putzschwämmen wie mit Backsteinen auslegt. Unter den Füssen wird der Boden schwankend, die Fläche gerät in Unruhe, denn einzelne Schwämme ragen aus dem Raster heraus: Ordnung kontra Unordnung, Unruhe kontra Ruhe oder besser: die Welt ist sowieso vielmehr als ihre einzelnen Zustände. Daher arbeitet Herman Reinfrank häufig mit dem Medium der Installation, denn die reale Bewegung durch eine räumliche Situation ist schon Teil seiner Arbeitsweise. Und diese ist zeitaufwendig und kompliziert: Skizzen und einzelne Sätze, Überlegungen, die dann doch wieder verworfen werde. Aber am Schluß sind seine Installationen, Aktionen und Einzelarbeiten von krasser Einfachheit, da sie sich häufig aus der Komplexheit heraus auf einen einfachen Gegenstand konzentrieren und diesem alle Aufmerksamkeit schenken.
Während der Dauer der Ausstellung richtet Herman Reinfrank sein Atelier im grossen Ausstellungsraum der Kunsthalle ein und wird aus der immensen Fülle seines Materials all diejenigen Gegenstände und Werkgruppen benennen, die er für eine Arbeitssituation als notwendig erachtet. Aus der komplexen Vernetzung seiner Ordnungs- und Chaos-Systeme heraus, muß er einzelne Segmente kategoresieren, um überhaupt Entscheidungen treffen zu können. Das Wunsch-Atelier in der Kunsthalle soll einerseits eine "reale" Arbeitssituation schaffen - denn Hermann Reinfrank wird während der Ausstellung dort arbeiten - anderseits quasi als Statement seiner Werkbegriffe greifbar machen, bei dem der Material- und Informationsfundus und die unterschiedlichen Arbeitsstrategien wesentlicher Teil des Ganzen, oder vielleicht überhaupt das Ganze sind.