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Erwachen

Hannes streichelt mich nicht mehr. Ich schwitze, bin durcheinander. Ich betrachte mich im Spiegel an der Decke. "Wie geht`s weiter?", frage ich mich. Am liebsten möchte ich so liegenbleiben, für immer.
Vor ein paar Tagen habe ich wie im Traum gehandelt. Statt zu meiner Lehrstelle bin ich zum Bahnhof und dann weiter mit dem erstbesten Zug so weit, wie die Hälfte meines mein Geld reichte. Jetzt muss ich lernen damit zu leben. Denn ich will endlich machen was ich will und darüber sollte ich endlich mal nachdenken. Doch lasse ich mich lieber weiter von der Musik treiben: "Amon Düül II" spielt im Hintergrund. Psychedelische Klänge.
"Yeti". Hannes legt die Scheibe immer nach dem Mittagessen auf. Es ist die wortlose Aufforderung in sein Bett zu kommen. So haben meine duldende Trägheit und seine Zärtlichkeiten den Namen der LP bekommen: "Yeti". Dies Stichwort bedeutet für mich auf der einen Seite Vertrauen, schon fast Gewohnheit, auf der anderen Seite jedoch Angst und Unsicherheit. Es ist neu für mich, von einem Mann gestreichelt und geküsst zu werden. Ich finde es toll, dass er mich bei sich aufgenommen hat. Seine Freunden aus dem Café "Theaterkeller" kenne ich auch schon.
Er hat mir auch gesagt, dass ich an mich selber glauben soll. Er will mir helfen mit meinen Eltern klar zu kommen, wenn ich weiss, was ich in Zukunft machen möchte.
Doch dann kommt wieder die "Yeti-Zeit", mit Spielen, die mich unsicher machen. Ich kenne nur Witze, die man über Schwule macht. Und wenn Hannes sagt, dass es kaum einen Unterschied macht, ob sich Männer untereinander, oder mit Frauen lieben, traue mich doch nicht mehr zu sagen, als "bitte nicht", oder "ja, das gefällt mir".
Bevor ich von zuhause weggelaufen bin, habe ich nie mit einem Mann geknutscht. Schlimm ist es nicht, vielleicht gewöhne ich mich auch daran. Wenn wir uns im "Theaterkeller" streicheln, oder küssen, fühle ich mich sogar toll, weil Hannes viele Freunde hat, die jetzt neidisch auf mich sind - doch habe ich immer wieder Angst, dass er "das eine" mit mir machen möchte, das bringt mich zum schwitzen. Das ich das nicht will, traue ich mich nicht zu sagen. Vielleicht, weil ich früher einmal ja gesagt habe?

Vor fünf Jahren habe ich mit Peter zusammen gespielt. Er war schon zwölf und hatte ein Fahrrad für Erwachsene. Damit machte er Sachen, zu denen ich keinen Mut hatte: im Wald fuhr er, wie die Grossen, durch die Todesschlucht: den steilen Abhang hinunter und auf der anderen Seite wieder rauf, hart an dem Baum vorbei, der schon viele Radgabeln gefressen hat, und dann mit dem letzten Schwung über die Bergkuppe. Dort wartete er auf mich. Zusammen fuhren wir dann zur Höhle. Ich hatte sie zwischen den Wurzeln einer gestürzten Rieseneiche entdeckt. Unterwegs kamen wir an den "Teufelsranken" vorbei: Schlingpflanzen, die in dichten Bündeln über Bäume und Buschwerk wuchsen. Von den trockenen Trieben schnitten wir uns kleine Stücke ab und rauchten sie in der Höhle. Neben dem "blauen Dunst" bevölkerte das Erdloch auch Geister unserer Fantasie.
Wir hatten schon viel über das gesprochen, was die Erwachsenen "Liebe machen" nennen. Peter sagte, dass er wüsste, wie es geht. An dem einen Tag war ich empfänglicher für seine Ideen. Er hatte sich nicht durch die Schlucht getraut, denn der Boden war mit nassem Herbstlaub bedeckt. Am Waldrand bot er mir sogar sein Fahrrad an. Als wir an der Höhle ankamen fühlte ich mich schon fast wie ein Todesfahrer.
Am Einstieg entfachten wir ein Feuerchen. Die Luft wurde sehr rauchig, aber wir wollten die neuen Comix ansehen und uns gegenseitig Grimassen schneiden. Wir lagen auf einem Polster aus alten Klamotten. Die Wurzeln über unseren Köpfen hatten wir abgeschnitten - der Baum war ja sowieso tot. Jetzt war innen genug Platz, solange wir uns nicht aufrecht hinsetzten.
Statt Teufelsranken rauchten wir heute echte Zigaretten, wie Erwachsene. Der ungewohnte Rauch machte mich so schön schwummerig. Wir lasen. Peter war stiller als sonst. Ich fragte was los sei. Er schaute zu mir rüber und druckste herum, ob wir es heute nicht machen könnten. Sein altes Thema: "Liebe machen". Er fragte mich, ob ich Angst habe? "Nein, heute nicht." antworte ich. Peter meinte, dass es ganz einfach sei. Ich sollte mich nur mit dem Gesicht zu Wand drehen und meine Hose runterziehen und die Unterhose auch. Ich tat es. Ein kalter Luftzug fuhr über meinen nackten Po. "So machen die Erwachsenen Liebe?" fragte ich ihn. Statt zu antworten rückte er an mich heran. Ich spürte seinen Pillermann. Er drückte ihn gegen meinen Hintern. Langsam begann ich etwas zu ahnen. Ich fühlte mich lächerlich und neugierig. Mein Herz klopfte. Ich merkte, dass ich auf einmal genauso schnell atmete wie Peter. Er drängte sich noch fester an mich. Es fühlte sich an, wie ein kaltes Würstchen, das einen Weg sucht. Peter umfasste meinen Hintern und ruckelte daran, wie an einem verrosteten Schlo¬ss. Ich begann zu schwitzen. Sein Drängen tat mir jetzt weh.
"Ich will nicht mehr". Ich ich schüttelte seine Hände ab und drehte mich zu ihm. Peter lag mit geschlossenen Augen da. Der breite Latz seiner Knickerbocker war noch offen.
"Ich glaube nicht, dass das so richtig ist." Das Schweigen wurde mir peinlich.
"Vielleicht" antwortete er und öffnete seine Augen, "aber jetzt musst Du es auch bei mir machen, vielleicht kannst Du es besser."
Ich liess mich darauf ein und kam ich mir total bescheuert vor.
Ich glaube Peter ging es ähnlich, denn wir haben nie wieder über "Liebe machen" gesprochen.
Bald darauf zogen wir um. Ich fand andere Freunde. Einer hatte schon eine Freundin, sagte er. Jedenfalls sang er immer, wenn wir allein waren "Jutta, du bist mein Augenstern". Zu der Zeit konnte er mir noch weissmachen, dass er dies Lieder selbst gedichtet hatte.Hannes« Zärtlichkeiten holen mich zurück. Er ist sicher in seinen Bewegungen. Ich verstehe nicht,welche Worte er in mein Ohr küsst. Seine Hände erregen mich. Streicheln über meine Brust, meinen Bauch und tiefer. Ich mag es, wenn er mich anfasst. Seine Hände fassen mich ganz anders an, als wenn ich es mache. Sein Griff wird bestimmter, seine Bewegungen rhythmischer. Ich lasse mich wieder treiben.
Meine Unsicherheit beim Petting mit Mädchen, die anspornenden Zurufe beim Dauerküssen in der Clique, die ganzen Spiele mit Gleichaltrigen kommen mir jetzt kindisch vor.
Ich drehe meinen Kopf. Hannes« Lippen sind feucht, es sticht, unrasiert. Unsere Atem vermischen sich, seine Hand streichelt alles aus mir heraus. Ich nehme ihn in meine Arme, küsse ihn.
Wir liegen Bauch auf Bauch. Ich spüre die feuchte Wärme zwischen uns.
Ich liebe sein Gesicht. Mit der Hand fahre ich durch seine schwarzen Locken und schmiege mich ganz eng an ihn.
Unvermittelt geht die Zimmertür auf. Ich raffe etwas von der Bettdecke über meine Blössen. Gabi steht im Türrahmen: "hallo ihr Süssen."
Hannes sieht mein verblüfftes Gesicht. "Ich habe Dir doch gesagt, dass sie gleich kommt." Mir wird heiss. Ertappt, denke ich. Gabi ist zwanzig und verkehrte auch im "Theaterkeller". Ich habe gehört, sie liebt nur Frauen.
"Selber hallo," erwidere ich möglichst mutig.
Gabi lächelt und setzt sich zu uns auf die Matratze. Hannes erklärt mir, dass Gabi die geilsten Joints dreht. Sie hat schon angefangen. Ihre schlanken Finger zerbröseln das Gras, vermischen es mit etwas Tabak. Fasziniert schaue ich zu, wie geschickt sie die Zigarettenblättchen aneinander klebt, das Gemisch hineingleiten lässt und daraus eine Tüte dreht. Den Filter rollt sie aus einer alten Busfahrkarte und schiebt ihn langsam in die kleiner …ffnung des Joints.
"Möchtest Du anrauchen", fragt sie mich. Unsere Blicke treffen sich. Mit einem eleganten Dreh schleudert sie ihre roten Locken aus der Stirn. Ihre Bewegung duftet nach Patschuli. Ich greife nach dem Joint. "Ist Deine Haarfarbe echt, oder ist es Henna." Sie lächelt. "Ich habe mit Henna ein bisschen nachgeholfen". Jetzt sehe ich, dass sie dunkelbraune Augen hat, fast so dunkel wie die von Hannes.
Sie gibt mir Feuer. Ich rauche. Grassamen springen wie kleine Feuerwerkskörper aus der Glut. Hannes lacht darüber. Ich reiche ihm den Joint.
Gabi fragt mich, ob ich mit ihr "Shutgun" rauchen möchte. Ich weiss gar nicht was das ist. Meine Erfahrungen mit Dope sind gerade ein paar Monate alt. Sie nimmt einen tiefen Zug, spitzt ihre vollen Lippen etwas, nähert sich meinem Mund und bläst mir den Rauch zu. Hannes gibt Anweisungen: "du musst nur einatmen!" Also öffne ich meine Lippen und sauge den Rauch ein. Gabi kommt immer weiter an mich heran. Wir berühren uns, Ihre Lippen verschliessen meinen Mund. Ich atme zurück in ihren Mund, sie gibt es mir wieder. Mit benommenen Küssen sinken wir auf eine Matratze aus Patschuli. Mir ist wie bei meinem ersten Kuss, damals auf der Tanzstundenparty. Ich verliere das Gefühl für oben und unten. Wir durchbrechen irgendeine Schallmauer. Hannes streichelt mich und wohl auch Gabi. Dann spüre ich ihre warme Haut an meinem nackten Körper. Sie gibt meinen Mund nicht frei und Hannes Mund lässt Gefühle zwischen meinen Beinen wachsen. Dann ist da nur noch Gabis Mund und ihr anderer Mund und ich und all die Wärme und Gedanken und bunten Bilder vor meinen Augen.
Viel spüter lösen wir uns voneinander. Ich bin verwirrt und stolz. "Liebe gemacht, Liebe gemacht", geht es durch meinen Kopf: heute, mit sechzehn, habe ich das Paradies entdeckt.
Hannes ist verschwunden - wir küssen uns weiter, stundenlang.
Später, er ist zurück, verstehe ich, was ich ihm verdanke. Gabi findet mich "süss", doch sagt sie auch, dass ich mich nicht in sie verlieben darf.
Ich verstehe kaum, das Gefühl, die letzten Stunden sind noch zu nahe. Doch meine Flucht von zuhause hat mich mir näher gebracht. Ich habe gefühlt, wie schön es ist auf neuen Wegen zu gehen. Ich habe sehr viel geschenkt bekommen.
Ich schaue wieder in den Spiegel an der Decke und spürte ich die grenzenlose Freiheit, mit der ich die ganze Welt umarmen möchte.


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