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Altweibersommer

Wir nennen die Waldlichtung Eidechsenwiese. Da ist unser Reich, darum sind wir empört, dass die Erwachsenen immer wieder Abfälle hinschütten. Heute ist es ein graues Plastikrohr.
Wir liegen auf dem Bauch und spähen durch die hohen Gräser - zum Tafelberg. So haben wir den gewaltigen Baumstumpf in der Mitte der Wiese genannt. Käfer und Ameisen lassen wir ohne mit der Wimper zu zucken über unsere nackten Beine laufen: wir warten auf grössere Beute. Ah, Stummelschwanz kommt als erste aus dem Höhlenreich, denken wir beide gleichzeitig. Gerald berührt meine Hand. Ich folge seinem Blick. Toll, eine Blindschleiche schlängelt sich am Fuss des Tafelberges.
Langsam schauen wir wieder zu der Eidechse. Stellen uns vor, sie sei ein Ungeheuer aus grauer Vorzeit, Bedroher der Ebene, und wir sind hier, um ihre Gewohnheiten auszukundschaften, warten auf die grosse Jagd. Ob die Andere auch noch kommt, die mit dem langen Schwanz, die Schnelle, die sich nie fangen liess. Vielleicht heute?
Diesmal sehe ich es zuerst, stupse meinen Freund an und deute mit einer vorsichtigen Kopfbewe-gung über uns. Lange durchsichtige Fäden schweben in der Luft. Unten kleben dunkle Pünktchen. Die Invasion vom Mars hat endlich begonnen. Wie oft haben wir darüber geredet. Wie oft haben wir uns gewünscht, so etwas Weltbewegendes zu erleben. Jetzt leben wir mitten im Abenteuer. Vor uns die Getüme aus der Vergangenheit, über uns die Wesen von einem anderen Planeten. Ein warmer Windhauch bringt uns raschelnd - zirpende Geräusche, sogar die
Vogelmelodien tönen fremd. Verzauberter letzter Ferientag.
Haben wir uns zu heftig bewegt? Plötzlich ist der Tafelberg wieder leer Ein langweiliger Schmetterling gaukelt heran. Absolut kein Ersatz für Schlangen und Getüme.
Scheiss Zecken ! Wir erheben uns.
Gerald findet fünf von den Blutsaugern an mir, ich bei ihm sieben. Gewonnen, ich bestimme, was wir jetzt machen.
Wir nennen es Treibfeuer. Jeder entzündet ein kleines Feuer in der Wiese und treibt es auf das Feuer des Anderen zu. Erreiche ich Gerald«s, habe ich gewonnen. Wer nun gerade angreift, oder wer ausweicht, bestimmen nie ausgesprochene Regeln. Wir sind aufeinander eingespielt.
Sein Feuer will nicht so recht in Gang kommen. Ich frage, ob er keine Lust hat. Er hat Angst, von seinem Platz aus sieht die Wiese sehr trocken aus. Ich überrede ihn, denn mein Feuer hat schon eine tolle Schlangenlinie in die Wiese gebrannt.
Ich greife an, versuche in einem grossen Bogen an seinem Feuer zu kommen. Es stimmt, bei ihm ist das Gras viel trockener. Um so schneller muss ich treiben. Mein Feuer wird trotzdem immer grösser. Aufpassen, dass ich keine Glutnester zurücklasse. Fast habe ich ihn eingeholt. Doch jetzt kommt er auf mich zu. Das also ist seine Taktik. Ich muss mich schnell verziehen. Krieg« ich die Kurve noch vor diesem dürren Busch ?
Scheisse, mein Feuer bleibt im Busch hängen.Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sich Gerald dem Tafelberg genähert hat. Das Gestrüpp da flammt auf. Er ruft mich zur Hilfe. Doch auch die Flammen vor meinen Füssen werden grösser. Ich kann sie nicht mehr zähmen. Beide trampeln wir in den Feuerstellen. Hitze dringt durch meine Turnschuhe. Kleine glühende Stückchen schmelzen sich in die Sohlen. Feuerpatschen! Mit dem Messer in der Faust rennen wir zu den nächsten grünen Zweige.
Schnell zurück, beide Feuer haben sich jetzt vereint. Die ganze Eidechsenwiese steht in Flammen. Wie Furien jagen wir, jagt uns die sengende Hitze im Kreis.
Wir schaffen es nicht, wir schaffen es nicht. Scheisse, Scheisse, Scheisse! Schon nähert sich die Glut der Lärchenschonung. Da ist es staubtrocken, dann ist alles verloren.
Unerwartet bekommen wir Hilfe. Oh Schutzengel. Die Flammen schaffen es nicht über den Waldweg. Wortlos stürzen wir uns auf den Wiesenrand, zu den Lärchen. Wildes Trampeln, Peitschen, Fluchen durch Höllenglut. Wir müssen es schaffen.
Ich fühle, rieche nur noch Rauch. Irgendwann wissen wir, dass es gut gegangen ist. Kraftlos schlagen wir die letzten Flämmchen, scharren Erde und Asche darüber, stampfen darauf herum, zerteilen, schauen nach, ob alle Glut erloschen ist.
Dann sitzen wir Rücken an Rücken auf dem angeschmorten Tafelberg. Hoffentlich haben die Eidechsen überlebt.
Die Wiese sieht grausam tot aus. All die Käfer und Ameisen, die wir vorhin so heroisch auf unseren Beinen ertragen haben
Klein sind wir gewordenund traurig über uns selbst.
Ich schaue nach oben und stosse Gerald mit meinem Hinterkopf an, spüre, dass auch er nach oben schaut: schwarze Fäden schweben in der Luft. Ich weiss, es sind die Reste vom verbrannten Plastikrohr.


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